Wtc26/n zu n Wissenstransfer Prozesse (wtc26)

Aus Copedia

Diese Session behandelt die Herausforderung, wenn mehrere Wissensgeber gleichzeitig oder in engem Zeitfenster ausscheiden und ihr Wissen an mehrere Nachfolger übergeben werden muss. Anhand eines Praxisbeispiels aus einem Stahlwerk mit zwei komplementären Prozesstechnikern wird ein strukturiertes Vorgehen vorgestellt, das über eine Jobmap-Aufnahme, Gap-Analyse und eine N-zu-N-Matrix zur Themen- und Verantwortungszuordnung führt. In der Diskussion werden zusätzlich Herausforderungen bei sehr großen Gruppen, unterschiedlichen Wissensständen und Gruppendynamiken beleuchtet.

Session Owner: Jürgen Büscher

Schlagworte: n:n-Wissenstransfer, Jobmap, Gap-Analyse, Transfermatrix, Gruppengröße, Standardisierung

Ausgangslage: Gruppeneffekte beim Wissensverlust

Häufig verlassen mehrere kritisch qualifizierte Personen in einem engen Zeitfenster gemeinsam ein Unternehmen, etwa durch Renteneintritt ganzer Alterskohorten. Solche Gruppeneffekte werden in Altersstrukturanalysen oft nicht ausreichend berücksichtigt, da meist nur einzelne kritische Stellen markiert werden, ohne sie systematisch miteinander abzugleichen. Am Beispiel eines Stahlwerks wurde gezeigt, dass zwei Prozesstechniker mit identischer Funktion sich stark in Arbeitsweise und Typus unterschieden, sich aber inhaltlich ergänzten – die Person prägt die Tätigkeit unabhängig von Standardisierung.

Methodik: Von der Jobmap zur N-zu-N-Matrix

Der vorgestellte Ansatz beginnt mit getrennten Jobmap-Interviews pro Wissensgeber, ergänzt durch Führungskräfte-Interviews zu kritischem Know-how. Anschließend erfolgt eine Gap-Analyse, bei der per Prompt-Abgleich exklusive Themen, Doppelungen und Wissenslücken zwischen den Gebern identifiziert werden. Auf dieser Basis entscheidet die Führungskraft gemeinsam mit den Beteiligten, wer welches Thema weitergibt. Die zentrale Steuerung erfolgt über eine N-zu-N-Matrix (Excel-basiert), die Führungskräfte, Wissensgeber und -nehmer sowie die zugeordneten Themen als verbindliche “Themen-Champions” abbildet und den Transferfortschritt per Ampelsystem trackt.

Herausforderungen bei großen Gruppen und heterogenen Wissensständen

Bei sehr großen Nehmergruppen (z.B. 18 Personen mit unterschiedlichstem Erfahrungsstand) drohen Transfergespräche zu Vorlesungssituationen zu verkommen, die wenig Befähigung schaffen. Diskutiert wurde, dass Wissenstransfer kein Onboarding ersetzt – fehlende Grundlagenkenntnisse sollten vorab durch Schulungen oder Dokumentation geschlossen werden. Zudem wurde betont, dass der Wissensgeber nicht automatisch der beste Wissensvermittler ist, sondern oft nur der einzige verfügbare; alternative, günstigere Qualifizierungswege sollten aktiv geprüft werden.

Gruppendynamik und optimale Gruppengröße

Als praktikable Gruppengröße für intensive Transfergespräche wurden zwei bis maximal drei bis vier Personen genannt; größere Runden funktionieren nur bei bereits bestehendem Vertrauen (z.B. eingespielte Teams) oder für punktuelle, klar identifizierte Themen. Bei mehreren Wissensnehmern verändert sich die Dynamik: Kritisches Hinterfragen von Vorgehensweisen des Wissensgebers wird wahrscheinlicher und muss moderiert werden, damit die Motivation des Gebers nicht leidet. Als Methode wurde das “Sparring auf Lücke” vorgestellt, bei dem sich mehrere Wissensnehmer gegenseitig das Gelernte erklären, um Verständnislücken aufzudecken.

Fazit

  1. Gruppeneffekte frühzeitig erkennen: Unternehmen sollten Altersstrukturanalysen nutzen, um absehbare Häufungen von Wissensverlust zu identifizieren, statt erst bei akutem Personalabgang zu reagieren.
  2. Wissensgeber ist nicht automatisch der beste Vermittler: Gerade bei großem Wissensgefälle oder vielen Nehmern lohnt es sich, alternative Qualifizierungswege und die Wissensnehmer selbst als Dokumentierende einzubeziehen.
  3. Gruppengröße und Moderation entscheiden über Erfolg: Intensive, wirksame Wissenstransfers gelingen am besten in kleinen Gruppen (2-4 Personen); bei größeren Gruppen braucht es aktive Moderation, um Vorlesungscharakter und unproduktive Gruppendynamiken zu vermeiden.