Wtc26/Wissen aneignen und teilen als Mindset (wtc26)
Der Vortrag stellt die Software-Craft-Bewegung als Inspirationsquelle für gelebte Wissenskultur in Unternehmen vor. Ausgehend von der Konferenz “SoCraTes” und dem Prinzip “we learn, we care, we practice, we share” wird gezeigt, wie sich über Jahre eine niederschwellige Lern- und Teilkultur mit Formaten wie Coding Dojos, Lerntagen und Mob-Programming etablieren lässt. Ergänzend werden konkrete Methoden zur Wissenssicherung sowie der Einsatz von KI-Werkzeugen zur Wissensdokumentation vorgestellt. Der Speaker betont, dass Wissenskultur ein langfristiger, organisch wachsender Prozess ist, der Management-Unterstützung und Geduld braucht.
Session Owner: Jürgen “Latti” Latteyer
Schlagworte: Software Craft Bewegung, Wissenskultur, Community of Practice, KI-gestützte Wissenssicherung, Barcamp-Format
Die Software-Craft-Bewegung als Vorbild
Der Speaker berichtet von seiner persönlichen Prägung durch die Konferenz “SoCraTes”, ein Barcamp-Format der Softwareentwickler-Community, das sein Verständnis von Wissensvermittlung verändert hat. Zentrale Erkenntnis: Lernen muss nicht “büffeln” bedeuten, sondern kann spielerisch, gemeinschaftlich und praxisnah gestaltet werden. Die Bewegung folgt dem Mindset “we learn, we care, we practice, we share” – ständige Neugier, Sorgfalt im Handwerk, bewusstes Üben (analog zu Musikern oder Chirurgen) und die Bereitschaft, Wissen weiterzugeben. Im eigenen Unternehmen entstand daraus vor 13 Jahren die Software Craft Community (SCC), die mittlerweile 50-70 Sessions pro Jahr organisiert.
Praktische Formate der Wissensvermittlung
Vorgestellt werden mehrere niederschwellige Formate: Der Lerntag ist ein hybrides, unkuratiertes Barcamp-ähnliches Format, bei dem jede:r eine Session anbieten kann – auch zu Themen abseits des Arbeitsalltags. Coding Dojos/Katas sind gemeinsame Übungssessions, oft samstags. Pairing und Mob-Programming verhindern Wissenssilos, da mehrere Personen gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten (Driver und Navigator-Prinzip) und dadurch stets alle auf dem aktuellen Stand sind. Postmortems (blameless) dienen dazu, aus Fehlern zu lernen, ohne Schuldzuweisungen. Der Busfaktor (bewusst nicht “Lottofaktor” genannt) hilft Teams, Wissensrisiken zu identifizieren, indem gefragt wird, was verloren ginge, wenn eine Person ausfiele.
KI als Werkzeug der Wissenssicherung
Der Speaker zeigt auf, wie KI den Wissenssicherungsprozess verändert: Durch Speech-to-Text und Interviews kann implizites Wissen erfasst werden, das beim Schreiben oft verloren geht, da gesprochene Sprache assoziativer und ehrlicher ist. Dokumente werden dadurch semantisch durchsuchbar statt nur stichwortbasiert. Auch soziale Netzwerkdiagramme (z.B. über Copilot-Analyse von Outlook/Teams-Kontakten) helfen, Schlüsselpersonen und Wissensträger:innen im Unternehmen zu identifizieren. Automatisierte Agentensysteme können kontinuierlich Wissen aus Notizen in Wikis überführen und aktuell halten.
Kulturwandel braucht Zeit und Rückhalt
Ein zentraler Punkt ist, dass der Aufbau einer solchen Lernkultur nicht von heute auf morgen gelingt – bei DATEV dauerte es rund vier bis fünf Jahre, bis die Community richtig ins Laufen kam. Entscheidend war, das Management frühzeitig einzubinden, etwa indem Führungskräfte selbst an Formaten teilnahmen und so den Wert direkt erlebten statt nur erklärt zu bekommen. Wichtig ist zudem, dass es keine “one-size-fits-all”-Lösung gibt: Verschiedene Teams nutzen unterschiedliche Methoden, abgestimmt auf ihre Bedürfnisse. Klassische ROI-Metriken sind schwer anwendbar; stattdessen wird mit einfachen Tools wie ROTI (Return on Time Invested) gearbeitet.
Fazit
- Puzzlestück-Prinzip statt Big Bang: Wissenssicherung funktioniert am besten durch viele kleine, kontinuierliche Beiträge statt durch aufwändige einmalige Dokumentationsprojekte.
- Erleben statt Erklären: Um Management und Mitarbeitende für neue Lernformate zu gewinnen, müssen sie diese selbst erleben – reines Erklären reicht nicht aus.
- Kultur braucht Geduld: Der Aufbau einer nachhaltigen Wissens- und Lernkultur ist ein mehrjähriger, organischer Prozess, der Rückhalt aus dem Management sowie eine breite Methodenvielfalt statt einzelner Tools erfordert.