Die neue Beweglichkeit: Die Gewerkschaften in der digitalen Arbeitswelt

Die digitale Revolution, insbesondere das mobile Internet, verändert die Arbeitswelt radikal. Das stellt die Gewerkschaften vor neue Herausforderungen. Dennoch können sie erfolgreich bleiben und mehr Mitglieder gewinnen, wenn sie sich in mehreren ihrer zentralen Gestaltungsfelder besser positionieren und etwa die Entwicklung neuer Ansätze in der Aus‐ und Weiterbildung vorantreiben oder einen neuen, auf gegenseitigem Vertrauen aufbauenden Kompromiss zu Arbeits- und Ruhezeiten erarbeiten. Arbeitsorte jenseits des betrieblichen Arbeitsplatzes sind gelebte Realität. Auch hier lassen sich – inspiriert von Betriebsvereinbarungen zum Vertrauensarbeitsort – tarifvertragliche Lösungen entwickeln. Des Weiteren sollten neue Arbeitsformen wie das über Online‐Portale organisierte Crowdworking nicht per se abgelehnt, sondern tarifpolitisch gestaltet werden. Moderne Arbeitsprozesse können von den Gewerkschaften aktiv begleitet werden, ohne dass hart erkämpfte Errungenschaften im Hinblick auf Arbeitsstandards aufgegeben werden müssen. Modelle der betrieblichen Gewinn‐ und Kapitalbeteiligung können weiterentwickelt werden, um Mitarbeitern zukünftig mehr Anteile am Produktivvermögen zu ermöglichen. Gewerkschaften, die ihre Rolle in der digitalisierten Arbeitswelt konstruktiv annehmen und sich auf die hier benannten sechs Gestaltungsfelder konzentrieren, sind in einer unübersichtlicher werdenden Arbeitswelt weiter wichtig.[1]

Kernaussagen

Die Studie identifiziert sechs Gestaltungsfelder für Gewerkschaften:

  1. Qualifizierung: Die Digitalisierung der Wirtschaft führt tendenziell dazu, dass menschliche Arbeit in der Zukunft vermehrt mit nicht‐routineorientierten, d.h. kreativen, analytischen und kommunikativen Tätigkeiten verbunden sein wird.
  2. Arbeitszeit: Die Arbeitszeitpolitik, ein klassisches Gestaltungsfeld der Gewerkschaften auf der Ebene von Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen, muss in einer von großer Individualisierung und gleichzeitig von Wettbewerb und kontinuierlicher Verfügbarkeit geprägten digitalen Welt neu bestimmt werden.
  3. Arbeitsort: Insbesondere im Dienstleistungssektor wird dank mobilem Internet nicht nur am Arbeitsplatz gearbeitet. Es ist gelebte Realität, dass unterwegs im Auto, Zug und Flugzeug sowie an Orten wie Cafés, Lounges, Bistro und Hotelzimmern, aber auch im Home‐Office gearbeitet wird.
  4. Arbeitsformen: Neue Arbeitsformen wie die externen Flexibilisierungsinstrumente Minijobs, befristete Beschäftigung, Solo‐Selbständigkeit, Teilzeitbeschäftigung und Zeitarbeit werden bis heute von den Gewerkschaften als Abweichung vom gewünschten unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsverhältnis (so genanntes Normalarbeitsverhältnis), als atypisch oder sogar prekär gebrandmarkt.
  5. Arbeitsprozesse: Mit den technischen Möglichkeiten der digitalisierten Arbeit entstehen auch neue Potenziale für eine fortschrittliche Arbeitsgestaltung. Auf der einen Seite wird menschliche Arbeit in Zukunft tendenziell anspruchsvoller und stärker auf interaktive, analytische und kreative Tätigkeiten ausgerichtet sein. Zukünftige Arbeitnehmer werden immer mehr „Arbeitnehmer‐Selbstständigen“ ähneln. In dem Maße, wie Routinetätigkeiten wegfallen, kann Arbeit für mehr Menschen als früher auch interessanter und vielfältiger werden, während traditionelle hierarchische Führungsmodelle gegenüber stärkerer Eigenverantwortung an Bedeutung verlieren dürften.
  6. Kapitalpartnerschaft: Die Digitalisierung führt zu Produktivitätsfortschritten und betrieblichen Erträgen bei den Unternehmen, die frühzeitig und konsequent die Vorteile des technischen Fortschritts nutzen und Produkt‐ oder Prozessinnovationen realisieren. Damit stellt sich die Frage, wie auch in Zukunft eine angemessene Beteiligung der Arbeitnehmerseite an den Produktivitätsfortschritten und den betriebswirtschaftlichen Erträgen aus der Digitalisierung und höherer Kapitalintensität erreicht werden kann.

Weblinks

Einzelnachweise

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